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35 Jahre, 4.000 Fahrschüler und 100 Prozent gute Laune

Ein Philosoph und Menschenfreund am Steuer – Andreas Dirwelis lehrte drei Binzer Generationen das Fahren

Manche Menschen bringen einem bei, wie man ein Auto fährt. Andere bringen einem ganz nebenbei auch noch etwas fürs Leben bei. Andreas Dirwelis gehört eindeutig zur zweiten Sorte. Seit 35 Jahren sitzt der Binzer Fahrlehrer neben seinen Schülerinnen und Schülern, erklärt Kupplung und Vorfahrt, beruhigt bei der ersten Autobahnfahrt, erträgt missglückte Einparkversuche und hat dabei vor allem eines nie verloren: seinen Humor.

Am 22. August 1991 gründete Andreas Dirwelis seine Fahrschule im Ostseehotel, gleich neben dem Grand Hotel. Das erste „Fahrschulbüro“ war dabei alles andere als repräsentativ: Es handelte sich um einen kleinen Abstellraum für Strandkörbe. Von dort aus begann eine Erfolgsgeschichte, die inzwischen 35 Jahre umfasst. Drei weitere Umzüge folgten innerhalb der 90er-Jahre, doch eines blieb immer gleich: die Freude an seinem Beruf und an den Menschen, die ihm ihre ersten Schritte oder besser gesagt ihre ersten Fahrversuche anvertrauten.

Rund 4.000 Fahrschüler hat Andreas Dirwelis in dieser Zeit begleitet. Hinzu kommen Hunderte Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Seminaren zum Punkteabbau oder zu Nachschulungen. Die allermeisten, sagt er, seien wirklich toll gewesen. Natürlich habe es auch ein paar „schwierige Operationen“ gegeben. Und bei ganz wenigen habe er schon einmal mit einem Augenzwinkern angemerkt, sie sollten vielleicht doch lieber weiterhin Bus fahren.

Dass seine Fahrschule heute noch existiert, ist dabei keineswegs selbstverständlich. Sechs weitere Fahrschulen haben in den vergangenen 35 Jahren in Binz ihre Türen wieder geschlossen. Rund 30 Jahre liefen für den großen Mann in Sneakern und Blumenprinthemd geschäftlich erfolgreich. Fünf Jahre allerdings seien wirklich bitter gewesen. „Zwischen 2008 und 2013 machte sich der Geburtenknick deutlich bemerkbar: Es fehlten schlicht die Jugendlichen, die irgendwann ihren Führerschein machen wollten“, erzählt der heute 63-Jährige. Aber Aufgeben kam für den Empathen nicht infrage. Denn Fahrlehrer zu sein, ist für Andreas Dirwelis weit mehr als ein Beruf. Vielleicht liegt genau darin sein Erfolgsgeheimnis. Er ist Fahrlehrer, Pädagoge, Menschenfreund, Anthroposoph und Philosoph – letzteres sogar diplomiert und beurkundet von der Leipziger Universität. Und offenbar ist er ein Mensch, der sich ehrlich für die Geschichten hinter den Menschen interessiert.

Das zeigt sich auch außerhalb des Fahrschulautos. Seit 2001 engagiert er sich als ehrenamtlicher Kreisvorsitzender der Rügener Fahrlehrerschaft. In Binz ist er ebenfalls aktiv, unter anderem mit einer jährlichen Inforunde bei der Volkssolidarität in Prora. Außerdem empfängt er regelmäßig Kindergartenkinder und Grundschulklassen in seiner Fahrschule.

Die Fahrschule selbst ist dabei irgendwie alles in einem: Büro, Schulungsraum und ein bisschen Wohnzimmer. Und dann gibt es da noch den Balkon, liebevoll „Kanzel“ genannt. Auf dieser Kanzel lässt sich vortrefflich philosophieren. Das durfte auch unser Bürgermeister Mario Kurowski bei seinem Besuch erfahren. Zum Abschluss saßen die beiden dort oben, unterhielten sich über das Verkehrsgeschehen im Ostseebad und grüßten zwischendurch ganz selbstverständlich die vorbeigehenden Bürgerinnen und Bürger.

Was Andreas Dirwelis denn über den Verkehr in Binz denke, wollte der Bürgermeister wissen. Was läuft gut? Wo könnte man noch etwas verbessern? Kreisverkehre, Tempo-30-Zonen, fehlende Fußgängerüberwege. An Gesprächsstoff mangelte es nicht. Sein Fazit fiel dennoch ausgesprochen positiv aus: Vieles habe sich in Binz bereits sehr gut entwickelt. „Weiter so“, lautet seine Devise.

Dass ihm die jungen Menschen besonders am Herzen liegen, zeigt sich auch beim Sponsoring der Jugendarbeit des 1. FC Binz. Und überhaupt: Wer 35 Jahre lang Jugendliche begleitet, erlebt nicht nur viele Generationen, sondern auch einen gesellschaftlichen Wandel. Diesen beobachtet er sehr genau. Digitalisierung und Corona hätten eine völlig andere Generation hervorgebracht. Die heutigen Fahrschüler seien häufig sehr lieb, artig, introvertiert und strukturiert. Gleichzeitig stünden sie unter enormem Schulstress und hätten weniger Freizeit. Vor allem aber werde weniger gelacht. „Viele funktionieren“, beschreibt er seine Beobachtung. Manche erhielten möglicherweise nicht den nötigen Rückhalt und die Fürsorge aus dem Elternhaus. Deshalb sei heute auch viel psychologische Zuwendung notwendig. Auch das Ausgangsniveau habe sich verändert. Das Basiswissen, mit dem Jugendliche früher in die Fahrschule kamen, sei heute nicht mehr selbstverständlich. Für einen Fahrlehrer bedeutet das: Noch mehr Geduld, noch mehr Erklären und noch mehr menschliches Gespür. Vielleicht ist genau das eine der Eigenschaften, die Andreas Dirwelis über all die Jahre jung gehalten haben. „Durch meine Tätigkeit bleibe ich jung im Kopf und möchte diesen Beruf noch sehr lange ausüben“, sagt er.

Dabei hat diese Tätigkeit durchaus ihre Schattenseiten. Fahrlehrer ist ein Fulltime-Job, sechs Tage in der Woche, mit langen Tagen durch Überland- und Autobahnfahrten und gerade einmal drei Wochen Urlaub im Jahr. Für jemanden, der eigentlich sehr gern reist, ist das nicht immer leicht. Besonders hart traf ihn der zweite Corona-Lockdown. Ein halbes Jahr lang durfte er nicht arbeiten. Während in anderen Bundesländern der Fahrschulbetrieb bereits wieder möglich war, mussten die Fahrlehrer in Mecklenburg-Vorpommern weiter warten. Für einen Menschen, der seinen Beruf nicht nur ausübt, sondern lebt, war das eine besonders schwere Zeit. Doch es gibt einen Lohn, der sich nicht in Euro messen lässt. Es sind die Begegnungen mit den ehemaligen Fahrschülerinnen und Fahrschülern. Wenn nach vielen Jahren plötzlich jemand auf der Straße vorbeikommt und fröhlich winkt. Wenn ein ehemaliger Fahrschüler noch immer herzlich grüßt. Oder wenn man sich in den sozialen Medien wiederfindet und Andreas die Lebenswege seiner ehemaligen Schützlinge ein Stück weit mitverfolgen darf. Dann weiß er einmal mehr, warum er das alles so gerne macht.

35 Jahre Fahrschule bedeuten eben auch 35 Jahre Lebensgeschichten. Drei Generationen von Binzern und Rüganern haben bei Andreas Dirwelis das Fahren gelernt. Manche kamen als unsichere Jugendliche zu ihm und gingen mit Führerschein und Selbstvertrauen. Später kamen vielleicht deren Kinder. Und wer weiß, vielleicht sitzen irgendwann auch die Enkel auf dem Fahrersitz.

Ganz ausgeschlossen ist das nicht. Am 11. September wird Andreas Dirwelis zum dritten Mal Großvater – diesmal gleich von Zwillingen. Vielleicht wird er auch ihnen eines Tages mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Humor, Geduld und großem Herzen ein wenig Orientierung geben. Erst durchs Leben und irgendwann vielleicht sogar bis zum Führerschein. Dass er dabei nicht alles bierernst nimmt, beweisen auch die kleinen Geschichten, an die sich heute noch Mitarbeiterinnen in der Binzer Verwaltung mit einem Schmunzeln erinnern. Für Bauamtsmitarbeiterin Maria Klett steht ihr Lieblingsspruch vom Fahrlehrer fest: „Pfeil ist geil!“ – heißt so viel wie freie Fahrt, nichts zu beachten.

Und auch die Assistentin des Bürgermeisters, Sindy Kubowicz, bringt einen Spruch Dirwelis zum Besten, bei dem auch ihre Tochter Hannah den Führerschein machte und nun aktuell ihr Sohn Henning Stunden nimmt: „Wenn du an meinem Knie bist, bist du richtig im Fünften“. Überhaupt scheint Andreas Dirwelis ein Händchen dafür zu haben, selbst aus kleinen Momenten große Geschichten zu machen. Und natürlich kennt er auch seine eigenen Schwächen. „Eigentlich habe ich nur zwei Fehler“, sagt er über sich selbst: „Ich rauche und bin unordentlich.“ Ob es wirklich nur diese zwei sind, werden wir beim nächsten Abstecher in die Dünenstraße bei seiner Frau Kerstin erfragen. Schließlich ist sie in diesem Jahr seit 40 Jahren mit ihm verheiratet und dürfte nach vier Jahrzehnten ziemlich genau wissen, ob es wirklich dabei bleibt.

35 Jahre, rund 4.000 Fahrschüler, unzählige Seminare, sechs überlebte Fahrschulkonkurrenten, zwei Lockdowns, drei Generationen und jede Menge Geschichten später steht Andreas Dirwelis noch immer dort, wo alles begann: mitten im Leben und mitten unter Menschen. Vielleicht ist das sein eigentliches Erfolgsrezept. Er bringt Menschen nicht einfach dazu, einen Führerschein zu machen. Er begleitet sie ein Stück auf ihrem Weg. Und damit auch auf einem Stück ihrer Transformation.

04.09.2026 Allgemein

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